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Digitale Mundpropaganda

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„Web-Stars“ aus Deutschland klingen bisher wie Dieter Bohlen oder Stefan Raab. Doch von MySpace, YouTube & Co profitieren auch viele Underground-Bands. Trotzdem wächst die Kritik an diesen Seiten.

Die pfälzische Trash-Boygroup Grup Tekkan hat es im letzten Jahr vorgemacht: Ihr grundschiefer Sonnenlischt-Song wurde millionenfach bei YouTube angeklickt und in Blogs und an Büro-Kaffeemaschinen heiß diskutiert. Als „deutsche Internet-Sensation“ brachten es die Jungs sogar auf die TV-Couch von Unterhaltungskünstler und Musiker Stefan Raab.

Auch dem aktuellen Netz-Sternchen, der erst 14-jährigen Sängerin Mina, half ein No-Budget Video in die Hitparade. Der Clip zu ihrer Ballade How the angels fly sprengte auf dem Videoportal MyVideo alle Rekorde: Über vier Millionen mal wurde das Video der Münchnerin bisher angesehen. Resultat ihrer Online-Popularität: Minas Debüt-Album erscheint beim Majorlabel Warner Music.



Abseits schneller Chart-Triumphe

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Soweit, so Mainstream: Zwar zählen diese Hits zu den bekanntesten Erfolgen deutscher Musiker im Internet, doch es sind Extremfälle. Abseits schneller Chart-Triumphe gibt es auf Webseiten wie MySpace, YouTube, MyVideo oder Virb eine Musik-Szene, die unter „Web 2.0“ keinen Motor für schnellen Erfolg versteht, sondern das Netz als Treffpunkt und digitale Visitenkarte nutzt. Dort begegnen sich Bands, Fans, Veranstalter und sonstige Musikverrückte, besprechen ihre Songs und planen gemeinsame Projekte. Das ganze erinnert an einen virtuellen Club – nur ohne verqualmte Luft, betrunkene Angeber und fiese Türsteher.

Die Ingolstädter Popband Slut entdeckte im virtuellen Raum die junge Berliner Beat-Bastlerin und Sängerin Dillon – man war sich sympathisch und nahm gemeinsam einen Song auf, der nun auf der Single von Slut erscheint. Damit werden sich zwar weniger Tonträger verkaufen lassen als mit dem Netz-Hit von Mina, dafür schwingt bei dieser Zusammenarbeit die romantische Vorstellung einer kulturellen Bereicherung durch digitale Technologie mit. Denn die hörenswerte Slut/Dillon Kollaboration wäre ohne Online-Vernetzung wohl nicht so leicht zustande gekommen: Band und Sängerin trennen nicht nur Hunderte Kilometer, sondern auch einige Genre-Grenzen.



Locas in Love: Dank MySpace in die USA

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Aber das Netz ermöglicht auch Musik-Freundschaften über noch größere räumliche Distanzen: Seitdem sich die sympathische Kölner Schlaupop-Band Locas in Love auf MySpace präsentiert, hat die Gruppe auch Fans in Boston, Vancouver oder Reykjavik. Und diese Kontakte lohnen sich: Ohne teures Management haben sie es zu vielgelobten Platten, knapp 200 Konzerten und sogar einer Mini-Tour durch die USA gebracht. Ein Veranstalter aus Massachusetts entdeckte die deutschsprachige Band auf MySpace und lud die Kölner nach Amerika ein – einige anderen Konzerte (u. a. in New York) folgten. Wenn Björn Sonnenberg, Gitarrist und Sänger bei Locas in Love und Karpatenhund, von den Konzerten in den USA erzählt, strahlen seine Augen: „Das war ein Höhepunkt der Selbstfindung für uns. Wir haben gemerkt, dass man mit Nischenmusik aus eigener Kraft mehr erreichen kann als noch vor einigen Jahren.“

Die Website MySpace – im Jahr 2003 als kalifornischer Künstler-Treff gestartet – hat mittlerweile über 200 Millionen registrierte Nutzer. Locas in Love ist dort nur eine von circa sechs Millionen Bands, jeden Tag kommen mehr als 300 Gruppen dazu.



Liebe auf den ersten Klick
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Früher wurden Demo-CDs an Radiosender und Magazine geschickt, heute entstehen wichtige Kontakte oft durch digitale Mundpropaganda: „Über Freundesfreunde entdecken immer wieder neue Menschen unsere Musik und verlieben sich im Idealfall“, erklärt Daniel Kranholdt vom Berliner Elektro-Duo Leander. Dieser Idealfall traf für seine Band ein: Kaum waren ihre verträumten Songs am heimischen Rechner fertig produziert, stellte Kranholdt die Stücke ins Netz.

Für viele Blogger war es Liebe auf den ersten Klick: Sie empfahlen die Musik von Leander weiter und verlinkten auf deren Website. So hörten bereits Tausende Fans auf der ganzen Welt ihre Lieder – lange bevor Plattenfirmen Notiz von Leander genommen hatte. So wurde auch Kennington Recordings aus England auf die Band aufmerksam. Und im Internet wird ihre Musik vom Onlinestore des renommierten Labels Rough Trade vertrieben. Das bringt zwar keine Chartposition, aber zumindest eine solide Grundlage für weitere Veröffentlichungen und Konzerte in ganz Europa. Natürlich sind solche selbst-organisierten Erfolge eine Tradition der Pop-Geschichte – viele Acts verkauften ihre ersten Platten selbst und knüpften Kontakte ohne Manager. Allerdings gibt es heute mehr Möglichkeiten für unbekannte Musiker, sich abseits der kommerziellen Musikindustrie einen Namen zu machen.



Undertube präsentiert Musik aus dem Untergrund

Eine wichtige Rolle spielen Online-Videoportale: Die Website MyVideo, auf der Fans ihre Lieblingsmusikvideos präsentieren, hat im vergangenen Jahr ihre Zuschauerzahlen verdoppelt – im Oktober wurde die deutsche Seite 37 Millionen Mal besucht. „Auf MTV mußte man tagelang auf ein Video einer nicht so bekannten Band warten“, sagt Locas in Love Sänger Björn Sonnenberg, „heute kann ich einfach anklicken, was ich sehen will. “

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Peer Göbel geht noch einen Schritt weiter: mit einigen Bekannten produziert er sein eigenes Musikfernsehen im Netz. Als Musiker und Autor ist er tief in der Underground-Musikszene Berlins verwurzelt. In der Internet-TV-Show Undertube stellt er Bands daher an einem passenden, aber ungewöhnlichen Ort vor: In der Berliner U-Bahn. Bei der gemeinsamen Fahrt durch den Untergrund der Hauptstadt plaudern er und seine Co-Moderatorin Mila Haegele mit Interpreten wie Jens Friebe, Delbo oder MIT über Songs, Schwarzfahrer und Selbstvermarktung. Die Sendung wird mit einer Handkamera gefilmt und ins Netz gestellt. „Natürlich erreicht man damit keine Massen, aber es kann eine Szene zusammenhalten“, sagt Göbel und erklärt: „Die Bands die bei uns auftreten lernen wir oft über das Internet kennen – auf Empfehlung von Freunden. “



Wachsende Kritik

Doch Nischenmusiker sind im Netz nicht mehr unter sich – große Musikfirmen haben das Potential der Selfmade-Portale schon lange erkannt. Seitdem MySpace für 580 Millionen Dollar (400 Mio. Euro) an Rupert Murdochs Medienimperium NewsCorp verkauft wurde, kritisieren viele die Kommerzialisierung der Internet-Musikszene. Ein unüberschaubare Menge an Bands (in Deutschland sind es schon um die 200.000) sowie penetrante Werbung und zweifelhafter Datenschutz lassen Bedenken am dauerhaften Erfolg solcher Seiten lauter werden: Aufmerksamkeit im Mitmach-Netz zu erregen ist „schwerer als noch vor zwei Jahren“, sagt Leander Musiker Daniel Kranholdt und fügt an: „Ich habe das Gefühl, viele Leute sind schon genervt von MySpace und denken ‚Oh nein, nicht schon wieder eine neue Band’.“

Auch Locas in Love Sänger Sonnenberg sieht die steigende Popularität von Musik-Communities im Internet kritisch – für ihn verkommen MySpace & Co langsam zur reinen Reklame: „Wenn große Firmen etwas als Werbefläche entdecken, ist es meistens geschehen um dieses Medium.“ Falls der Musiker Recht hat, sieht es nicht gut aus für das Videoportal MyVideo. Ende November wurde dort fast die komplette Top 30 der populärsten Musikvideos vom selben Nutzer ins Netz gestellt: Der Plattenfirma SonyBMG.



Welcher deutsche Act hat die meisten virtuellen Freunde? (Stand 19.12.2007)

Den ersten Platz belegt Paul van Dyk mit 226.430 Freunden, Rammstein mit 133.144 Freunden folgen auf Platz 2.
Sehr weit vorne liegen die Elektro-Helden von Digitalism mit 99.257 Freunden, die Beatsteaks mit 91.043 Freunden und Tokio Hotel mit 57.681 Freunden.
Im Vergleich dazu bescheiden: Locas in Love haben 1718 Freunde, ihr kommerziell erfolgreicheres Projekt Karpatenhund bringt es auf 4473 Freunde. Dafür sind diese Freunde richtige Fans, betont Björn Sonnenberg. Die Band prüft jede Anfrage persönlich.

Till Krause
besucht die Deutsche Journalistenschule und arbeitet als freier Autor in München. Seine Texte erschienen im Zündfunk (Bayern2Radio) und im wissenschaftlichen Journal Popular Music.
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Dezember 2007

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